Patschkau im oberschlesischen Kreis Neisse, war eine alte ehrwürdige Stadt mit einer Stadtmauer, vielen Kirchen, Türmen und
alten Villen. Eingebettet in die herrliche Berglandschaft des Reichensteiner Gebirges, nannte man die 8000-Einwohner-Stadt,
in der viele Sommerfrischler auch gern ihren Urlaub verbrachten, liebevoll das "Schlesische Rothenburg".

Quelle der Stadt-Fotos auf dieser Seite : Historische Postkarten u.a. von Foto Kühne Patschkau

H E I M A T V E R T R I E B E N
Das Feuer, dass
erbarmungslos von den Deutschen während des 2. Weltkrieges über die anderen Völker Europas gebracht wurde -
dieses Feuer schlug dann auch erbarmungslos auf das Deutsche Volk selbst zurück !
Nach der Kapitulation Deutschlands fassten die Alliierten auf der Potsdamer Konferenz den Beschluss, die noch in Polen,
in der Tschechoslowakei und in Ungarn wohnhaften Deutschen nach Westdeutschland zu
"überführen".
Jugoslawien und andere Länder folgten diesem Beispiel. So kam es, dass viele Deutsche von den Siegern des 2. Weltkrieges aus Ostpreußen,
Schlesien und Pommern sowie anderen ost- und süd- osteuropäischen Ländern vertrieben und verjagt wurden.
Ende 1945, hauptsächlich aber 1946 und 1947 kamen sie in Sammeltransporten nach Westdeutschland in ein Land,
das von einem erbittert und grausam geführten Krieg
geschlagen, verwüstet und ausgeblutet war.
Diese
Flüchtlinge, wie sie damals hießen, haben neben ihrer traditionellen Heimat auch noch all ihr Hab und Gut verloren.
Was sie mitnemen durften, passte in der Regel auf einen Handwagen ! Die meisten von Ihnen haben nur die Kleidung, die sie am
Körper trugen und ein bisschen Handgepäck retten können. So kamen sie nach vielen Wochen Transport, teilweise zu Fuss,
in Deutschland an.
Viele überlebten die Strapazen der wochenlangen Reise ins Ungewisse gesundheitlich nicht. Auch die Suizid-Rate war sehr hoch.
Die deutschen Behörden standen vor schier unlösbar erscheinenden Problemen. Wo sollte man die Ankömmlinge unterbringen ?
Sie waren meist
völlig mittellos. Wie sollte man sie ernähren ? Wo sollte man ihnen Arbeit geben ?
Leere, überzählige Wohnungen gab es in den zerbombten Städten und in den Dörfern nicht. Notgedrungen mussten
die einheimischen Bewohner enger zusammenrücken und, meist nach behördlicher Zuweisung, ganze Umsiedler-Familien als
Untermieter mit in ihre Wohnungen aufnehmen. ... das Leben musste irgendwie weitergehen !

Fotos :
Familienalbum Fiedler / Knoth
Fotos :
Familienalbum Fiedler / Knoth

Meine Grosseltern und meine Mutter hatten vorerst noch "Glück".
Sie
"durften" in der alten Heimat bleiben. Besser gesagt, sie wurden
dazu
zwangsverpflichtet, weil die Dienste meines Grossvaters bei
den Polen für eine bestimmte Zeit noch benötigt wurden.
Er war nicht nur "der" Stadt-Elektriker mit allen Schaltberechtigungen
und Qualifikationen, die es bei der Energieversorgung so gab, er war
auch Leiter des Umspannwerkes von Patschkau und wachte als solcher über die Stromversorgung der Stadt (siehe Bilder rechts und links).

Diesem Umstand war es bereits zu verdanken, dass er während des Krieges nie an die Front musste. Er wurde zwar zum Sanitätsdienst eingezogen, war aber nur kurzzeitig Soldat. Dann wurde er wieder in seinen Beruf entlassen. Gemeinsam mit seinen Kollegen musste er
zur unmittelbaren Versorgung des Landes nicht benötigte Strommasten und Überlandleitungen abbauen, da der Stahl und die Metalle (insbesondere das Kupfer) dringend in der Rüstungsindustrie gebraucht wurden (Patronenhülsen, Feldkabel usw.).
Nach Kriegsende zogen die
Russen in Patschkau ein. Die Familie musste auf deren Weisung ihr altes Heim verlassen. Polen aus dem ostpolnischen Grenzgebiet zu Russland wurden hierher nach Patschkau umgesiedelt und bei ihnen einquartiert. Sie bekamen minderwertigeren Wohnraum in Nebengebäuden zugewiesen. Mein Grossvater wurde zwangsverpflichtet, die polnischen "Fachkräfte" anzulernen und auszubilden. Meine Grossmutter wurde zur Arbeit als Schneiderin (ohne Entlohnung) für die neue polnische Bürgerschaft zwangsverpflichtet und musste alles nähen, was die "Neubürger" so benötigten. Meine Mutter, damals noch ein Kind (12), wurde verpflichtet,
für die Familie des neuen polnischen Chefs den
Haushalt zu führen, zu kochen und die Kinder zu beaufsichtigen. Das ging bis 1948 so.
Im Grossen und Ganzen war die Behandlung durch die Polen wohl in Ordnung, zumindest hätte es viel schlimmer kommen können. 

Im September des Jahres 1948 war es dann aber auch für meine Grosseltern und meine damals 15-jährige Mutter soweit - da sie nicht bereit waren, die polnische Staatsbürgerschaft anzunehmen, wurden nun auch sie aus Patschkau ausgewiesen. Für die Ausgewiesenen gab es in den verschiedenen örtlichen Verwaltungen teilweise abweichende Normen : In der Regel durften nur 500 RM (Reichsmark) mitgenommen werden, 50 kg Gepäck pro Person, persönliche Sachen und Verpflegung für mehrere Tage. Das ganze lebendige und tote Inventar, das man zurück lassen musste, blieb Eigentum der polnischen Regierung und des polnischen Staates.

        
     Patschkau                   Schlesien                  Oberschlesien                    Küche       

Leider sind meine Grosseltern und meine Eltern schon einige Jahre tot und ich habe nicht mehr die Chance, sie intensiver über die
näheren Umstände der Umsiedlung nach Deutschland zu befragen. Als sie noch lebten, hatte man kein besonderes Interesse an den
"alten Geschichten". Heute ärgert man sich darüber, nicht alles genau erfragt zu haben. In der ehemaligen DDR gab es auch keine Landesverbände der Vertriebenen. Diese wurden als "revanchistisch" verteufelt und waren verboten. Nun kann ich nur wiedergeben,
was von den kargen Erzählungen der Eltern und Grosseltern über die Verhältnisse von damals bei uns Kindern in Erinnerung geblieben ist.

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Die Vorbereitungen auf die Reise begannen mit der Suche nach einer Möglichkeit, das vorhandene Bargeld zu retten,
dass man schon lange vorher "in Sicherheit gebracht" hatte.
Wenn man schon alles Hab und Gut zurücklassen musste, so sollten wenigstens die über Jahre mühevoll zusammengetragenen
Ersparnisse irgendwie gerettet werden. Eine Idee musste her.

            

 Zwei grosse
Reisekörbe waren die Lösung. Die vier runden Eckpfosten wurden in der Mitte aufgebohrt. Das Bargeld in Form von Scheinen
wurde bündelweise stark
"gewickelt", so dass man die Bündel in die Eckpfosten stopfen konnte. Zum Schluss wurden die Pfosten an
beiden Enden wieder mit Holzpfropfen verschlossen. Nichts war mehr zu sehen. So ging das Bargeld mit auf die ungewisse Reise.
Meine Grosseltern hatten wohl das Glück, dass, wegen ihrer loyalen Unterstützung für die neue Verwaltung, man mehr mitnehmen durfte,
als es normalerweise für Umsiedler üblich war. Man hat wohl grosszügig darüber hinweggeschaut.

Mit einem
Pferdefuhrwerk wurde man zum Bahnhof gebracht und mit dem Gepäck zusammen in einen Güterzug verladen. Dann begann in vielen hunderten Etappen die beschwerliche Reise. Ich habe in Erinnerung, dass die Reise 7 Wochen gedauert haben soll und dass es,
neben Hunger, Durst und schlechtesten Hygienebedingungen, auch eine sehr bedrohliche Situation gab. So konnte während eines Zwischenaufenthaltes mein Grossvater nur mit sehr viel Zivilcourage und unter Gefahr für sein eigenes Lebens verhindern, dass seine minderjährige Tochter (15) durch einen russischen Soldaten vergewaltigt wurde. Er hat sich einfach schützend vor sie gestellt.
Nach vielen Wochen unterwegs, kam man endlich im
Auffanglager im thüringischen Sonneberg an. Man hatte keine Möglichkeit, zu wählen.
Dort wurde man erst einmal in eine
14-tägige Quarantäne gesteckt, bevor man in dem kleinen Dörfchen mit dem Namen Beinerstadt ankam.
In Beinerstadt eingetroffen, wurde man bei der
Familie Beyer einquartiert. Das war ein grosses Glück. Die Familie hatte sich freiwillig bereit erklärt, eine Unsiedler-Familie aufzunehmen. Man wurde vom ersten Tag an gut behandelt und hatte Gelegenheit in der hauseigenen Tischlerwerkstatt und in der Landwirtschaft mitzuhelfen. Mein Opa war ein Meister seines Fachs und hat in seinem Beruf als Elektriker auch vielen Bauern im Dorf bei der Elektrifizierung ihrer Höfe helfen können. Da keine Möbel vorhanden waren, wurden sogar Kleinmöbel für
die Umsiedler in der hauseigenen Tischlerwerkstatt hergestellt. Es entstand ein freundschaftliches Verhältnis zu den Beyers und man wurde
auch im restlichen Dorf sehr schnell akzeptiert und in der Gemeinschaft angenommen.

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