BILDUNG IN DER DDR

In der DDR gab es ein durchgängiges, staatliches Bildungssystem von der
Kinderkrippe bis zum Universitätsabschluss.
Ziel des staatlichen Bildungswesens waren „allseitig und harmonisch entwickelte (sozialistische) Persönlichkeiten“.
(laut "Gesetz über das einheitliche sozialistische Bildungssystem" aus dem Jahre 1965)
(sozialistische) hab ich bewusst mal eingeklammert. Inwieweit bei wem dieses Ziel wirklich erreicht werden konnte, das hing
wesentlich von der Persönlichkeit der Einzelperson ab. Es gab sicher welche! Aber aus meinem persönlichen Umfeld von damals
kenne ich nicht all zu viele bei denen ich sagen könnte, das die sozialistische Erziehung wirklich funktioniert hätte.

Es gab keine staatlich anerkannte Privatschulen oder irgendwelche anderen nichtstaatlichen Bildungseinrichtungen.
Das Bildungssystem als solches sehe ich aber auch heute noch als sehr sinnvoll, effektiv und durchdacht an. Während meiner
"gesamtdeutschen" Lehrgänge im Rahmen der Übernahme in die Bundeswehr, als auch im Alltag, konnten wir uns mit unserem
"Ossis"-Allgemeinwissen jederzeit locker mit den Kameraden aus den alten Bundesländern messen. Ein ehemaliger Nachbar von
mir - pensionierter Rektor einer Grund- und Hauptschule - den ich im Alter jenseits der 80 in vielen Lebenslagen oft geholfen habe,

wollte von mir immer wissen : "Woher wisse Sie denn dös alles?".....
Das System, mit dem Herzstück einer 10-jährigen (polytechnisch ausgerichteten) Grundschulpflicht, umfasste folgende
Bildungsstufen :

KINDERKRIPPE
KINDERGARTEN
POLYTECHNISCHE OBERSCHULE
ERWEITERTE OBERSCHULE
FACHSCHULE
HOCHSCHULE /
UNIVERSITÄT

 Daneben gab es noch SONDERSCHULEN, SPEZIALSCHULEN und die VOLKSHOCHSCHULE.

 
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KINDERKRIPPE :
Die Kinderkrippen gehörten zum Bildungssystem, obwohl sie eigentlich dem Gesungheitsministerium unterstellt waren und von diesem
überwacht wurden. Kleinkinder konnten ab 20 Wochen bis zur Vollendung des 3. Lebensjahres in die Krippe gegeben werden.
Aufgabe der Krippen war die Betreuung, Überwachung und Pflege der Kinder in Zusammenwirken mit den Gesundheitseinrichtungen
durch Säuglingsschwestern und Krippenerzieherinnen mit mehrjährigem Fachschulstudium. Ich war mal mit einer verlobt.
Die Kinder wurden durch die Krippenerzieherinnen bereits frühzeitig pädagogisch gefördert : Sportspiel, Singen, Malen usw.

KINDERGARTEN :
Die Kindergärten unterstanden dem Ministerium für Volksbildung und waren eine Art Vorschule, die Kinder sollten dort zielgerichtet zur
Schulreife geführt werden. Den Kindergarten besuchen konnte man ab dem Alter von 4 Jahren und man blieb bis zur Schulreife (6. oder
7. Lebensjahr). Die Kindergartenerzieherinnen führten, gemäss ihrem Bildungsauftrag, die Kinder spielend zum Lernen :
Mengenlehre mit Stäbchen, Rechnen, Zeichnen, Gruppenbeschäftigung, Gruppensport, Singen allein und im Chor, Schreibversuche
Im Kindergarten erfolgte auch die ärztliche Schultauglichkeitsüberprüfung. Stichtag zur Einschulung mit 6 war immer der 31. Mai.

POLYTECHNISCHE OBERSCHULE (POS) :
Die Zehnklassige allgemeinbildende polytechnische Oberschule (POS) war der einheitliche Schultyp für alle Schüler der DDR. Ab 1965
unterschied man innerhalb dieses Schultypsnoch noch zwischen der Unterstufe (1.-3. Klasse mit Unterstufenlehrern), der Mittelstufe (4.-6.
Klasse) und schliesslich der Oberstufe (7.-10. Klasse) - ab der 5. Klasse gab es Russisch als 1. Fremdsprache (2. Fremdsprache nur
fakultativ), Geschichte, Geografie, Biologhie, ab der 6. Klasse Physik, ab der 7. Klasse Chemie und
polytechnischer Unterricht (UTP)
(vorher Schulfach Werken), in der 10. Klasse dann zusätzlich Astronomie).
Am Ende der 10. Klasse stand die Abschlussprüfung zur
"Mittleren Reife" - schriftlich immer in Russisch, Deutsch, Mathematik, Sport
und in einer Naturwissenschaft (Physik, Chemie und Biologie), mündlich 2-5 Prüfungen zur Bestätigung oder Verbesserung der bis
dahin erzielten Vornote. Das Abschlusszeugnis der POS (entspricht Realschulabschluss) berechtigte zu jeder Berufsausbildung und
zum Besuch aller Fachschulen der DDR. Beendigung der Schule nach der 8. Klasse war nur auf Antrag und nach Bestätigung möglich.
Die Allgemeinbildung, die wir an der POS vermittelt bekamen, war stark naturwissenschaftlich-technisch ausgerichtet. Der Unterricht
im Ausbildungsfach UTP vermittelte alltagstaugliches Grundwissen in der Holz-, Plast-, und Metallbearbeitung und schaffte frühzeitig
eine enge Verbindung zur Arbeitswelt. So wurden wir als Schüler frühzeitig mit der Praxis in unseren VEB-Betrieben vertraut gemacht-
und das im positiven, wie auch im negativen Sinne!

ERWEITERTE OBERSCHULE (EOS) :
Die Erweiterte Oberschule war die Schulart zur Erlangung der
Hochschulreife (ABITUR). Sie bestand aus den Klassen 9-12, wobei
die Klassen 9 und 10 nur eine Art Vorbereitungsklassen waren und die reine Abiturstufe nur die Klassen 11 und 12 umfassten.
Die Anzahl der Schüler pro Schuljahr war begrenzt, so konnten nur max. 10 % der POS-Schüler eines Jahrgangs zur EOS wechseln.
Für die Zulassung zur EOS durfte ein jeweils jährlich festgelegter Leistungsdurchschnitt nicht überschritten werden.
Leistung war aber nicht die einzige Hürde auf dem Weg zur Abiturstufe - ein schon möglichst klarer Studiumswunsch, die Zugehörigkeit
der Eltern zur Klasse der Werktätigen (soziale Herkunft) und eine gewisse politische „Zuverlässigkeit“ war mitentscheidend, ob du
zugelassen wurdest oder nicht.
Es gab noch einen zweiten Weg zum Abitur, das war die "Berufsausbildung mit Abitur", so, wie das ein Freund von mir gemacht hat.
Nach der 10. Klasse begann man eine Berufsausbildung mit weiterem Schulunterricht, mit dem Ziel des Ablegens des Abiturs an einer
Berufsschule. Diese Art zum Abitur zu gelangen war sehr begehrt. Sie hatte neben der Erlangung der Hochschulreife noch zwei weitere
wesentliche Vorteile gegenüber dem "normalen Abiturienten", man erlernte nebenbei einen Facharbeiterberuf und bekam dabei
gleichzeitig auch noch eine Ausbildungsvergütung (Lehrlingsgeld) im Rahmen der Berufsausbildung. Die Nachteile waren :
Diese "Berufsausbildung mit Abitur" gab es nur in wenigen Ausbildungsberufen und die Anzahl der Lehrstellen waren noch viel mehr
begrenzt (knapp 5%), als die Zahl der "normalen Abiturienten" pro Jahrgang (7-10%).
Nach der Erlangung der Hochschulreife (Abitur) konnte man eigentlich ein Studium beginnen. Man brauchte aber die Zustimmung des
zuständigen WKK (Wehrkreiskommandos), da man vor Antritt des Studiums normalerweise noch seinen Wehrdienst ableisten musste.
Ab zirka 1972 wurde auf eine Ableistung eines 3-jährigen Wehrdienstes als Unteroffizier auf Zeit (UaZ) für alle männlichen Studierenden
"orientiert". Ohne die Ableistung einer Unteroffiziersdienstzeit schwanden die Chancen auf einen Studienplatz eigener Wahl gewaltig.


FACHSCHULE :
Die Fachschulen in der DDR zählten zu den Bildungs- bzw. Ausbildungseinrichtungen, für welche man mindestens den Abschluss der
10. Klasse einer polytechnischen Oberschule (Mittlere Reife) benötigte. Sie unterstanden dem Ministerium für Hoch- und Fachschul-
wesen
der DDR. Zu den Fachschulen gehörten beispielsweise Ingenieurfachschulen an welchen Fachschulingenieure, Institute für
Lehrerbildung an denen Unterstufenlehrer, Freundschaftspionierleiter
und Heimerzieher ausgebildet wurden, und Fachschulen für
angewandte Kunst.  Das Fachschulstudium dauerte drei Jahre, am Institut für Lehrerbildung (Unterstufenlehrer) vier Jahre. Ein großer
Teil der erworbenen Fachschulabschlüsse wurde nach der Wiedervereinigung anerkannt und nach mindestens dreijähriger Praxis
im Beruf mit dem Diplomabschluss (FH) zuerkannt.


HOCHSCHULEN und UNIVERSITÄTEN :
Die Hochschulen und Universitäten unterstanden ebenfalls dem Ministerium für Hoch- und Fachschulwesen der DDR.
Studienvoraussetzung war die Hochschulreife (das Abitur). Die Dauer des Studiums an einer Hochschule oder Universität betrug vier
Jahre (in der Medizin 5 Jahre). Als Abschluss wurde die Berufsbezeichnung "Hochschulingenieur" vergeben und der Diplomingenieur
als 1. Akademischer Grad erreicht, auch die Mediziner und Juristen mussten diplomieren, bevor durch sie der 2. Akademische Grad
(Doktor) errungen werden konnte. Die Ingenieurausbildung für elektrotechnische Berufe erfolgte an den Technischen Hochschulen (TH)
und die Ausbildung von Oberstufenlehrern an den Pädagogischen Hochschulen (PH).
Eine Sonderform der Hochschulen gab es in den bewaffneten Organen - die Offiziershochschulen. Die Absolventen dort erwarben mit
der Ernennung zum Leutnant nach vierjähriger Studienzeit das Offizierspatent und erhielten gleichzeitig einen zivilen Abschluss in Form
eine Diploms als Ingenieur oder Lehrer.
Die Universitäten in der DDR waren das herausragende, elitäre Element der Hochschulbildung :
Humboldt-Universität Berlin, Technische Universität Dresden, Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald, Friedrich-Schiller-Universität
Jena, Martin-Luther-Universität Halle/Wittenberg, Karl-Marx-Universität Leipzig, Wilhelm-Pieck-Universität Rostock
Die Zulassung zum dort Studium war stark reglementiert. Das Auswahlverfahren orientierte sich an Bedarf, Leistung und erwünschter
sozialer Zusammensetzung der Studierenden. Wenn ein Student immatrikuliert wurde, musste er sich dazu verpflichten, die Forderungen
der sozialistischen Gesellschaft zu erfüllen, für ausgezeichnete Studienergebnisse zu kämpfen, aktiv an der militärischen Ausbildung
oder an der Ausbildung in der Zivilverteidigung teilzunehmen und danach mindestens für drei Jahre ein Arbeitsverhältnis entsprechend
den gesellschaftlichen Erfordernissen aufzunehmen. Trotz der ideologischen Vorgaben war die Universitätsausbildung, gerade in
Naturwissenschaften und Technik, von durchweg hohem Niveau und es gab kaum Studienabbrecher.
Der ursprüngliche Anspruch der DDR, die geistige Elite des Landes aus Arbeitern und Bauern zu gewinnen, wurde im Lauf der Zeit
immer weniger verwirklicht und die Leitungskräfte rekrutierten sich im Laufe der Zeit wieder immer mehr aus der Intelligenz.


SONDERFORMEN DER BILDUNG IN DER DDR :
SONDERSCHULEN :

An den Sonderschulen der DDR wurden körperlich oder geistig behinderte Kinder und Jugendliche unterrichtet. Sie sollten dort im
Rahmen ihrer Möglichkeiten zu vollwertigen Mitgliedern der Gesellschaft erzogen und gebildet werden. Es gab die Hilfsschulen für
geistig behinderte oder lernbehinderte Kinder. Ausserdem gab es Sonderschulen für Körperbehinderte, Blinde, Sehschwache,
Gehörlose und Schwerhörige, Sprachheilschulen und Schulen für nervengeschädigte Kinder.
SPEZIALSCHULEN :
Unter Spezialschulen verstand man ein vielfältiges System von Schulen zur Förderung besonders begabter Schüler. Allgemein bekannt
waren die KJS (Kinder- und Jugendsportschulen) zur Förderung von Kindern mit besonderen sportlichen Begabungen, als Hoffnungs-
träger für zukünftige Medaillengewinne bei Weltmeisterschaften und zu Olympischen Spielen.
Ausserdem gab es Spezialschulen für Naturwissenschaften, Mathematik, Musik, Elektronik und Sprachen (besonders Russisch).
Manchmal handelte es sich dabei auch einfach nur um Spezialklassen z. Bsp. an einer EOS. Wir hatten an unserer EOS beispielsweise gesonderte Sprachklassen mit weniger naturwissenschaftlichen Unterricht, aber zum Erlernen von mindestens drei Fremd- und einer
Altsprache gleichzeitig.
Die Auswahl der Schüler für die Hochbegabtenförderung erfolgte meist auf Empfehlung und nach einer strengen Auswahl. Wer die an
ihn gestellten Erwartungen nicht erfüllte, fiel zurück in den "normalen Topf".
VOLKSHOCHSCHULE :
Die Volkshochschule war eine staatliche Einrichtung des Ministeriums für Volksbildung. Sie war eine Art Abendschule der Werktätigen
zum Nachholen von Schulabschlüssen oder zur Erlangung höherwertiger Abschlüsse (z.Bsp. Abitur) auf dem 2. Bildungsweg. Es gab
aber auch allgemeinbildende Kurse in Naturwissenschaften, Kunst und Kultur, sowie in Fremdsprachenprachen (beliebt : Englisch).
Finanziert wurden die Kurse vom Staat. Die zu zahlenden Kursgebühren waren sehr moderat.

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Mein persönlicher schulischer Werdegang
in der DDR war eigentlich ein DDR-typischer, normaler Weg bis hin zu meinem (militärischen) Studiensabschluss.
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Ich war zwar nie in einer Kinderkrippe, aber besuchte den Kindergarten in meinem Geburtsort Schleusingen und später den in
meiner Heimatstadt Themar. Mit 6 Jahren, am 01.09.1960 wurde ich in die Polytechnische Oberschule "Anne Frank" in Themar eingeschult. Ich besuchte diese Schule bis zum Abschluss der 8. Klasse. Mein Berufswunsch hatte sich bis dahin klar entwickelt :
Ich wollte an der TH Ilmenau Elektrotechnik / Elektronik studieren und mich nach Studienabschluss als Ingenieur beim Funkamt Erfurt
bewerben. Da mein Notendurchschnitt stimmte, bekam ich die Möglichkeit, mich an einer zum Abiturabschluss führenden Schule
(EOS) zu bewerben, was auch problemlos klappte. So wechselte ich dann am 01.09.1968 an die Erweiterte Oberschule "Max Greil"
nach Schleusingen, für die Klassenstufen 09 und 10 als Vorbereitungsklassen zur Abiturstufe. Am Ende der 10. Kllasse stand die
Prüfung zur "Mittleren Reife". Nach erfolgreicher Absolvierung dieses Zwischenzieles erfolgte dann der stufenlose Übergang zur
Abiturstufe Klasse 11 und 12. Mit dem Zwischenzeugnis der 11. Klasse bewarb man sich für das Studium. Ich entschloss mich zum
Studium an der OHS der Luftstreitkräfte / Luftverteidigung "Franz Mehring" im sächsischen Kamenz.
Wie es dazu kam, ist unter der Rubrik "Zur Person" abgehandelt. Nach erfolgreicher "Kommissionierung" dort, erhielt ich am
21.05.1971 meine Studienzulassung für die Sektion FuTT. Am 30.06.1972 war es endlich soweit - Schulzeit vorbei -
Abitur (Hochschulreife) endlich geschafft!
Nach den letzten Ferien begann dann der Ernst des Lebens : 01.09.1972 Studienbeginn an der OHS Kamenz - Sektion FuTT.
Da die OHS bereits Hochschule war, aber noch keinen Diplomierungsstatus hatte, dauerte das Studium nur 3 Jahre (später mit
Diplom-Abschluss 4 Jahre).
Am 16.08.1975 war auch das endlich Geschichte : Studium erfolgreich absolviert, Ernennung zum Leutnant der NVA und
Zuerkennung der Berufsbezeichnung "Hochschulingenieur"
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Nach der "Wende" und meiner Übernahme in die Bundeswehr erfolgte aufgrund Artikel 37 des Einigungsvertrages und auf Beschluss
der Kultusminister-Konferenz vom 28.01.1994 (auf Antrag) die Feststellung der Gleichwertigkeit von Bildungsabschlüssen.

Nach Einzelfallprüfung für besonders gelagerte Fälle, meiner 6,5 -jährigen, einschlägigen Tätikeit als Techniker am Radar (SL P-15)
und an der Funktechnik (NaZF), durch das Sächsische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst Dresden, erfolgte am
19.01.1995 die Zuerkennung des Grades Diplom-Ingenieur (FH).