FuTT - Die Augen der Luftverteidigung

„Die Funktechnischen Truppen (FuTT) sind eine Waffengattung der Luftstreitkräfte und Luftverteidigung (LSK(LV).
Sie sind bestimmt zur :
a) rechtzeitigen Aufklärung des Beginns eines gegnerischen Luftangriffs
b) ununterbrochenen Begleitung der Luftangriffsmittel des Gegners
c) rechtzeitigen Meldung der Angaben, die für ein Erkennen der Idee der Handlungen des Luftgegners und zur Führung von
Gefechtshandlungen erforderlich sind.
Sie umfasst :
a) die Luftraumaufklärung (LRA) und Funkmesssicherstellung der Truppenführung der Verbände der LSK/LV
b) die Funkmesssicherstellung der Gefechtshandlungen der Truppenteile und Einheiten der Fla-Raketentruppen und
Jagdfliegerkräfte der Luftverteidigung
c) die Benachrichtigung der Truppen der funkelektronischen Niederhaltung
Die FuTT haben ausserdem: :
 a) die Führungsorgane über die Luftlage zu benachrichtigen und vor dem Luftgegner zu warnen
b) die Flüge anderer Fliegergattungen zu überwachen und sicherzustellen
c) die Parameter von Kernwaffendetonationen zu bestimmen und die Bewegungsrichtung der radioaktiven Wolken zu kontrollieren
d) die Erd- und Seelage sowie die Kernstahlungs-, chemische, biologische und metereologische Lage aufzuklären

Zur Erfüllung dieser Aufgaben sind die Ergebnisse der Luftraumaufklärung der Truppen der LSK/LV sowie
der Aufklärung der anderen Teilstreitkräfte der NVA, der Grenztruppen, der Zivilverteidigung und der
anderen bewaffneten Organe der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) auszunutzen."

Quelle :   DV 103/0/001   VVS-Nr. : C 484 365 - Seite 8 -  Bestimmung und Aufgaben der Funktechnischen Truppen

Quelle Kleinfotos :  mit freundlicher Genehmigung von Oliver Trinks

Zur Ausrüstung der FuTT gehörten Funkmeßstationen (FuMS) unterschiedlicher Typen und der verschiedensten Zweckbestimmung
sowie die unterschiedlichsten Objekte des automatisierten Führungs- und Leitsystems (AFLS). Die Ausrüstung gestattete die Ortung
von Luftzielen in allen Höhenbereichen, die Bestimmung der Staatszugehörigkeit und der genauen Koordinaten und Übergabe dieser Informationen an die anderen Waffengattungen im System der Luftverteidigung.

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V O R B E M E R K U N G   :

Die
Funktechnische Truppen (FuTT) der ehemaligen NVA waren eigentlich die Radarführungskräfte der Jagdfliegerkräfte und
Fla-Raketen-Truppen der Luftstreitkräfte / Luftverteidigung der ehemaligen DDR.
A B E R
Der Waffeneinsatz wurde bei den LSK/LV der NVA der DDR nicht durch die FuTT geleitet, sondern wurde in den vorgesetzten
Gefechtsständen unter Nutzung der von den FuTT bereitgestellten Radardaten (Besonderheiten in der Luftlage - vgl. MRT)
organisiert (vgl. EinsFüDst Lw Bw).
Die FuTT waren nach russischen Vorbild immer nur Dienstleister (Informationsgeber) der aktiven Mittel der LSK/LV (JFK und FRT)
und waren trotz des Informationsvorsprungs gegenüber den anderen Waffengattungen eigentümlicherweise nie deren Führer -
also    kein    R A D A R F Ü H R U N G S D I E N S T , wie er sich heute darstellt.
Die FRT der NVA verfügten zwar auch über eigene Radartechnik (P-18 und PRW-13) als sogenannte AZM (Aufklärungs- und Zielzuweisungsmittel). Diese Funkmesstechnik war aber in der Regel nicht dazu geeignet, eine solche Aufklärungstiefe
zu gewährleisten, die genügend Vorwarnzeit zum Schiessen mit dem FRK (Fla-Raketenkomplex) S-75 Wolchow (SA-2)
oder ganz und gar mit dem Komplex S-200 Wega (SA-5) ergab.
Die FRT waren also, genau wie die JFK für ihre Jägerleitung, immer auf "fremde" Hilfe, in Form der  Bereitstellung der
benötigten Radardaten mit ausreichender Infomationstiefe durch die FuTT angewiesen.
Von der militärische
n Hierarchie her waren aber die FuTT dem Kommandeur des Fla-Raketen-Truppenteils
und dem Leiter der Jägerleitstelle operativ unterstellt.
Diese waren, die Funkmesssicherstellung betreffend, gegenüber den FuTT befehls- und weisungsberechtigt.
Nicht die Funktechnischen Truppen haben den Fla-Raketentruppen und Jagdfliegern gesagt, "wo es langgeht", so wie es
logischerweise sinnvoll gewesen wäre, sondern genau umgekehrt.
Das entsprach nach russischen Vorbild der Organisationsstruktur des DHS der Warschauer Vertragsstaaten.
Das Pferd war "quasi" falsch herum aufgezäumt und lief so eigentlich rückwärts !


 
 
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Die FuTT waren in Funktechnische Bataillone (FuTB) mit jeweil 3 - 6 unterstellten Funktechnischen Kompanien (FuTK) gegliedert,
die in Abhängigkeit von der zu erfüllenden Haupt-Sicherstellungsaufgabe (Funkmeßsicherstellung der Feuerleitung der FRT  o d e r
Funkmeßsicherstellung der Jägerleitung der JFK) jeweils
in einem
Gemeinsamen Gefechtsstand (GGS)
mit einem Jagdfliegergeschwader (JG)
oder einem Fla-Raketenregiment (FRR) untergebracht waren.
Ab Mitte der 80er Jahre wurden aus den FuTB, die ständig zur Feuersicherstellung der Fla-Raketentruppen (FRT) geplant waren,
Funktechnische Abteilungen (FuTA)
gebildet, die den
Fla-Raketenbrigaden (FRBr)
direkt unterstellt wurden (siehe 43. FRBr >>> FuTA-4301 und 41. FRBr >>> FuTA-4101).
Diese Umstrukturierung war 1989 im Süden der DDR noch nicht abgeschlossen (siehe : 51. FRBr >>> FuTB-51).
Zur Verbesserung der Tiefflugortung war die Entfaltung von je einem zusätzlichen
Funktechnischen Posten (FuTP) je FuTK geplant.
Jede FuTK verfügte über mehrere Radargeräte russischer Bauart :
3 - 5 Rundblickstationen (RBS) und 1-3 Höhenfinder (PRW) sowie
über
Automatisierte Führungs-und Leitsysteme (AFLS) - w o b e i  die gesamte Technik MOBIL (d.h. verlegbar) war !!!
3-D-Radargeräte gab es (ausser dem Tiefflugkomplex ST-68U) in den FuTT bis 1989 faktisch noch nicht.

 
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Für die Aufgabenerfüllung der FuTT wurde sogar eine eigene, spezielle TAKTIK entwickelt -
die
Taktik der Funktechnischen Truppen (TAF).

1. Technik :
Die im DHS eingesetzte Funkmesstechnik deckte das gesamte Spektrum elekromagnetischer Wellen ab :
- Meter-Wellenbereich P-12, P-13. P-14, P-18, Oborona
- Dezimeter-Wellenbereich P-15, P-15A, P-19
- Zentimeter-Wellenbereich K-66, P-37, PRW-9/16/13, ST-68U

siehe auch :  www.wikipedia.org
Elektromagnetische Verträglichkeit spielte keine Rolle. Die Störung des Rundfunk- und Fernsehempfang und anderer Dienste, die
auf der Basis elekromagnetischer Abstrahlungen arbeiteten, wurde unter dem Deckmantel der Landesverteidigung billigend in Kauf
genommen.  >>> mehr dazu siehe auch : 
STÖRTEST 87
Ziel war einzig und allein eine
möglichst hohe Störsicherheit. Eine solch breitbandigen Störung, dass die Erfüllung der Aufgabe zur
Luftraumaufklärung ernsthaft hätte gefährdet werden können, war beim parallelen Einsatz von Stationen aller Wellenbereiche faktisch
unmöglich.
Dass diese Philosophie Erfolg hatte, wurde alljährlich in der Praxis beim erfolgreichen scharfen Gefechtsschiessen in Kasachstan
unter Nutzung von FuMS aller f-Beriche bewiesen. Sie war für die Überlebensfähigkeit der FuTT im Gefecht unabdingbar.

 Desweiteren verfügte die gesamte mobile russische Radartechnik über umfangreiche Störschutzmassnahmen gegen aktive und
passive Funkmeßstörungen (Radarstörungen). Im Rahmen der Gefechtsausbildung lag besonderer Schwerpunkt auf der Beherrschung
der
einzelnen Störschutzmöglichkeiten durch das Bedienpersonal. Wenn keine passive Störschutzmassnahme mehr Wirkung zeigte,
konnte als letztes Mittel mit besonderer Wirksamkeit ein Frequenzwechsel durchgeführt werden. Unter Friedenseinsatzbedingungen
waren die Frequenzumstimmsysteme verplombt und durften nur einmal im Monat im Rahmen der Vorbeugenden Wartung getestet werden.
Dabei musste, zur Verhinderung der Aufklärung geheimzuhaltender Frequenzen durch Aufklärungsmittel des Gegners, die Antenne
der Station feststehend auf einen Abstrahlwinkel in Richtung zum eigenen Hinterland geschwenkt werden und die Antennenspeisung
auf Antennenäquivalent umgeleitet werden. Der Test erfolgte nur im Beisein des StKCTA der jeweiligen Einheit, welcher nach Abschluss
der Massnahme die Verplombung des Systems sofort wieder gewährleistete. Eine FuMS P-15 z.Bsp. verfügte über 3 verschiedene Magnetrons mit jeweils 5 vorprogrammierten Festfrequenzen.

2. Mobilität :
Man ging beim Aufbau der FuTT zu Beginn der 60er Jahre davon aus, dass durch die Aufklärung Vorbereitungen auf einen Erstschlag
mit genügend grosser Vorwarnzeit erkannt worden wären und man plante, sich durch das Verlassen der bekannten Einsatzstellungen
rechtzeitig dem
Erstschlag zu entziehen, um die Aufgaben aus einer vorgeplanten Wechselstellung heraus weiter erfüllen zu können.
Funkmeßstationen, Höhenmesser, AFLS, Funkstationen, Nachrichtengerätesätze, Gefechtsstände -
alles war mobil ausgelegt.
Es war geplant die gesamte FuTK
ohne Unterbrechung der Gefechtsarbeit in zwei Etappen aus der Haupt- in die Wechselstellung
zu verlegen.
Diese Verlegemassnahmen im Gesamtbestand wurden noch bis Mitte der 80er Jahre jeweils im Programm der Gefechtsausbildung
(PGA - Aufgabe 5.5)
bzw. bei den Taktischen Überprüfungen durch die Inspektionsgruppe des MfNV unter alles Wetterbedingungen praktisch trainiert.
... und sie waren  
i m m e r  eine gewaltige Materialschlacht.

3. Untergrenze des Funkmessfeldes :
Durch einen Abstand von ca.
60-70 km zwischen den entfalteten Funktechnischen Einheiten und der Ausrüstung mit FuMS verschiedener
Zweckbestimmung (Tiefflug, Fernaufklärung) und deren Einsatz nach einer abgestimmten Plangrafik ergab sich in Friedenszeiten eine
durchgängige Untergrenze des Funkmeßfeldes von
500 Metern. Natürlich war auch eine Ortung von Flugzielen unterhalb dieser Höhe
möglich, aber nur mit Unterbrechungen, d.h. nicht lückenlos. Zur Senkung der Auffassungszone auf durchgängig
200 m Untergrenze
in Krisensituationen und nach Auslösung höherer Stufen der Gefechtsbereitschaft, war die Verlegung von Radarstationen vom Typ P-15
zur Tiefliegerortung (vergl. : TMLD) aus allen Stammeinheiten in Feldstellungen, genau zwischen zwei benachbarten FuTK, geplant.
Diese Trupps wurden
FMU (Funkmeßfeld Untergrenze),
FM 200 oder auch "Sputnikstationen" genannt. Sie waren nach x+45' in den Stammeinheiten abgebaut und marschbereit, und i.d.R.
nach x+2h in den Untergrenzestellungen mit Stromversorgung von Elektroaggregat arbeitsbereit. Die Übermittlung der Luftlage erfolgte
bei kurzfistigen Einsätzen über Funk (R-111, R-140) oder bei geplanten Einsätzen über Postmietleitungen, geschaltet über einen Kabelabholpunkt.
... die ständige Gewährleistung der Bereitschaft zur Verlegung "FMU" unter allen Wetterbedingungen war ein hartes Brot für
alle betroffenen Soldaten !!!
(später mehr darüber   >>>   siehe FuTK-512)

Ab dem Jahre 1981 beendete man endlich den kräftezehrenden Zustand, ständig einen Radartrupp mit FuMS P-15 (evtl mit PRW),
einen Funktrupp R-140, einen Auswertertrupp und die Versorgungseinrichtungen, inklusive des Personals, so in Bereitschaft zu halten,
dass jederzeit und unter allen Wetterbedingungen ein Abmarsch innerhalb von 45 Minuten gewährleistet werden konnte.
Es wurden im Verantwortungsbereich des FuTB-51 zusätzlich  zwei Sommer-Dauereinsatzstellungen (FuTP) geschaffen, die in den
Monaten April bis Oktober durch Personal und Technik aus den FuTK besetzt und betrieben wurden (FuTP-713 Schnellmannshausen,
FuTP-712 Ummerstadt), welche dann die Tiefflugortung in gefährdeten Richtungen und Räumen sicherstellten. Im Jahre 1973 kam
dann noch die Tiefflug-Kompanie FuTK-515 Lehesten, ausgerüstet mit dem Tiefflugkomplex ST-68U, dazu.

4. Arbeit nach Plangrafik :
 Die russischen Radarstationen waren zwar sehr robust, aber nicht für den Dauereinsatz konzipiert. Ausserdem gab es sogenannte
"leichte" und "schwere" Funktechnische Kompanien. Schwere FuTK waren i.d.R. mit mindestens einer Radarstation ausgerüstet,
die zur Fernaufklärung geeignet war (P-37, P-13, P-14, Oborona, Kabina-66, PRW-13). Leichte Kompanien verfügten in der Regel
über Technik zur Ortung von Zielen in mittleren und geringen Höhen (P-12, P-18, P-15, P15 AMU, ST-68U, PRW-9/16)
zur Ergänzung der Gesamtluftlage.
Mittels einer sogenannten
Plangrafik wurde gewährlweistet, dass im Verantwortungsbereich eines FuTB immer eine Station zur
Fernaufklärung arbeitete und die anderen FuTK die Luftlage für Tiefflug nur ergänzten.
Während der Ausschaltphasen war Gelegenheit zu Wöchentlichen Durchsichten (WD) und Vorbeugenden Wartungen (VW).
Gleichzeitig wurde durch eine solche Plangrafik, innerhalb des jeweiligen Raumes der Verantwortung eines Truppenteiles,
der koordinierten Einsatz von Funkmesstechnik verschiedener Wellenbereiche zur Erhöhung der Störsicherheit gewährleistet.



Zur Gewährleistung der ständigen Einsatzbereitschaft der FuMT wurde ein durchgängiges Wartungssystem für die gesamte Technik
organisiert und vom FMID (Funkmess-Igenieurdienst) gesteuert und überwacht. Dem FMID wurde sehr hohe Aufmerksamkeit gewidmet.
Er hatte sogar einen eigenen Stellvertreterbereich im FuTB - früher StKTA (Stellvertreter des Kommandeurs für Technik und Ausrüstung),
später StKLFMID (Stellvertreter des Kommandeurs und Leiter des Funkmessingenieurdienstes).

Jede FuMS, die zur Arbeit im DHS zugelassen und geplant war, hatte :
- jeden Morgen eine
Tägliche Funktionskontrolle,
- einmal wöchentlich eine
Wöchentliche Durchsicht,
- eimal monatlich eine
Vorbeugende Wartung durchzuführen
- einmal jährlich gab es eine
Jahresdurchsicht in der FuMW-31 in Eisenhüttenstadt
- nach 5000 Betriebsstunden war eine
Mittlere (Industrie-) Instandsetzung (MI) im LRM Mittenwalde zu absolvieren
- sich nach 10 000 Betriebsstunden einer
Haupt (Industrie-) Instandsetzung (HI) im LRM Mittenwalde zu unterziehen
( LRM = Lehrgeräte- und Reparatur-Werk Mittenwalde )
Der angestrebte Ziel jedes Stationsleiters war ein KTE von 0,99 (Koeffizient der technischen Einsatzbereitschaft).
Das bedeutete, dass eine Station nur 1 % der aktiv im DHS geplanten Zeit ausfallen durfte, dann gab es den begehrten Titel
"Funkmessstation der hohen Zuverlässigkeit"
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5. Die FuTT im Alarmfall :
 In der zweiten Hälfte der 70er Jahre war die Entwicklung der Militärtechnik soweit fortgeschritten, dass man immer ohne jegliche
Vorzeichen mit einem überraschenden Angriff der gegnerischen Seite rechnen konnte. Trotz der verbesserten Aufklärungsmöglichkeiten
ging man bei der Planung von angepassten LV-Massnahmen von keinen oder nur sehr geringen Vorwarnzeiten aus. Die Taktik musste
verändert werden. Man plante nun nicht mehr, sich dem 1. massierten Luftangriff durch Verlegung entziehen zu können, vielmehr sollte
dessen Abwehr nunmehr aus den Hauptstellungen heraus erfolgen. Die Gefechtsstände wurden ab sofort verbunkert.
Man schuf eine 3-Stellungs-Taktik :
EINSATZSTELLUNG - TARNSTELLUNG - SCHWEIGESTELLUNG
Die scharfe
EINSATZSTELLUNG blieb nun in Friedenszeiten ohne taktische Tarnung -
nach Auslösung einer höheren Stufe der Gefechtsbereitschaft
wurde die Einsatzstellung dann nach dem
"Plan Tarnobjekte" des Kdr's getarnt und nach dem "Plan Sicherung und Verteidigung" gesichert.
Die Tarnung war entsprechend o.g. Plan vorgeplant und die Mittel dafür waren zur kurzfristigen Entfaltung gelagert. Die Tarnung sah vor,
die gesamte Einsatzstellung an die regionalen Gegebenheiten angepasst zu tarnen.
Der "Plan Tarnobjekte" für die Einsatzstellung von Sprötau lautete
"OBSTPLANTAGE", da der Obstbau im "Thüringer Becken"
sehr stark verbreitet war
Es gab dementsprechend Obstkistenstapel, Leiterwagen, Baumatrappen usw., ausserdem Tarnnetze in grosser Zahl, grüne und
braune matte GLOBUNA-Farbkübel für Betonflächen und die natürlichen Tarnhilfsmittel. Am Garagenkomplex und der in der 003 waren
die Stahlseile für die taktische Tarnung ständig schon über der Abstellfläche gespannt und die Tarnnetze wurden bei Auslösung von
höheren Stufen der Gefechtsbereitschaft nur noch darüber gezogen - eine Sache von ein paar Minuten !
Die bei Auslösung höherer Stufen der Gefechtsbereitschaft vorher in der
TARNSTELLUNG entfaltete Technik (in der FuTK-511 eine P-37)
war getarnt und sollte bei Feststellung von Luftangriffen als Demonstrationsobjekt zum
"auf sich Lenken des Angriffs" enttarnt werden.
Damit diese Stellung auch "gefunden" wird, lag sie immer in der Nähe der Einsatzstellung (ca. 2 km). Ausserdem musste die Tarntechnik
ohne Störschutz
"strahlen" können (in der Regel waren bei dieser ausgemusterten und abgeschriebenen Technik nur noch die Sender und
die Antennendrehung einsatzbereit - der Aufbau der Tarnstellung und deren "Markierung" mit zusätzlichen Winkelreflektoren war
meist auch ein gewaltiger Kraftakt für den bedauernswerten Stationsleiter, der die technische Einsatzbereitschaft herstellen musste).
Während an der Technik in der Hauptstellung die Störschutzmassnahmen gegen Anti-Funkmess-Raketen angewendet wurden,
sollte die Tarntechnik Anti-Funkmessraketen (Shrike, Standart Arm, HARM) und Luftschläge auf sich lenken.
Sollten all diese Massnahmen nicht ausgereicht haben, so gab es ja noch die
SCHWEIGESTELLUNG, die ebenfalls vorher bei
Auslösung höherer Stufen der Gefechtsbereitschaft unter absoluter Funkstille und gedeckt an einem  vorgeplanten Standort entfaltet
wurde (P-18, PRW-13). Diese Stellung war zirka 5-10 km von der Hauptstellung entfernt.
Sie wurde
erst dann als Ersatz aktiviert, wenn eine Aufgabenerfüllung aus der Hauptstellung nicht mehr möglich war.

5.1. Der Wechselgefechtsstand :

In Ergänzung aller Massnahmen gab es in allen Einheiten und im Truppenteil einen
WGS (Wechselgefechtsstand). Dieser wurde bei
Auslösung höherer Stufen der Gefechtsbereitschaft immer personell besetzt und arbeitsbereit gemacht, inklusive aller dazu notwendigen
Schaltungen von Drahtnachrichtenverbindungen und Entfaltung der benötigten Funktechnik (R-140, R-137) zur Meldung und Führung
sowie Richtfunktechnik (RL-30) zur Übertragung des Radarbildes und dessen Darstellung an abgesetzten STRELA-Sichtgeräten.
Nach Meldung der Einsatzbereitschaft wurde die Luftlage parallel zum Hauptgefechtsstand bearbeitet, so dass jederzeit bei Notwendigkeit
verzugslos die sofortige Übernahme der Führungsverantwortung vom Hauptgefechtsstand gewährleistet war.
Der gemeinsame WGS des FuTB-51 und der FuTK-511 befand sich auf dem "Pulvertum" in Kranichborn bei Sömmerda.




5.2. MR-Technik (Ministerreserve) :
 Um die Gefechtsbereitschaft im DHS des WV unter allen Lagebedingungen zu gewährleisten, wurde auf die Reservierung von Munition,
Ersatzteilen, Werkzeug und Zubehör und insbesondere aber auch von Technik besonderer Augenmerk gelegt. Das Anlegen solcher
Reserven wurde "von ganz Oben" im MfNV gesteuert und es betraf den gesamten Bereich von Bewaffnung, Munition und Ausrüstung.
Im Kasernenobjekt am Standort Sprötau gab es im Kfz.-Park zwei Reihen von Garagen, vollgepackt mit sogenannter MR-Technik.
MR bedeutete Ministerreserve und diese durfte auch nur auf entsprechenden Befehl "von Oben" entfaltet und genutzt werden.
Es gab fast alles : ganze FuMS, Reserveantennen für zerstörte Radarantennen, Funkstationen, ortsfeste Nachrichtengerätesätze,
Antennenmastanlagen und vieles mehr - eventuelle Zerstörungen konnten, im sogenannten Ernstfall, so in einem relativ kurzen;
überschaubaren Zeitrahmen wieder instandgesetzt werden.


 


5.3. Sicherung und Verteidigung des Stammobjektes :
Die Sicherung und Verteidigung der Einsatzstellung für den "Ernstfall" war ebenfalls vorgeplant und organisiert.
Das Dokument, in dem die vorgeplanten Massnahmen festgelegt waren, hiess
"Plan Sicherung und Verteidigung" des Kommandeurs Truppenteil und war genau wie der  "Plan Tarnobjekte" als Geheime Verschlusssache (GVS) eingestuft.
Die Sicherung und Verteidigung wurde durch einen Offizier (Offz. S+V) geführt, der für diese Zwecke in einem separaten Kleinbunker
gegenüber der Wache (Kontrolldurchlass der Einsatzstellung) seinen speziell dafür eingerichteten Arbeitsplatz hatte.
Mit entsprechender Nachrichtentechnik ausgerüstet (Draht und Kleinfunkgeräte) führte er nach Koordination mit dem Gefechtsstand :
- den LuPo (Luftbeobachtungsposten)
- die Soldaten in den ausgebauten RUV- Stellungen (Rundumverteidigungsstellungen)
- die Flak - Einsatzstellung im Objekt
- die Pioniergruppe des Truppenteiles , die den Zugang zur Stellung entsprechend dieses Planes mit Panzerminen und das Vorfeld
zur Stellung in der erwarteten Hauptangriffsrichtung mit Signal- und Schützenminen vermient hätten.
Ausserdem waren zur Unterstützung der Objektverteidigung Kräfte und Mittel der TLA (Truppenluftabwehr)
der 4. MSD (Mot.- Schützendivision) Erfurt sowie Einheiten der Kampfgruppe des Funkwerks Kölleda [?] geplant.

6. Wachsamkeit und Geheimhaltung :
Die Wachsamkeit und Geheimhaltung spielte in der NVA und insbesondere bei den Truppenteilen und Einheiten im DHS
der LSK/LV eine ganz besondere Rolle. Das oberste Prinzip - einfach, aber wirkungsvoll - war :
Jeder darf nur das wissen, was er zu seiner unmittelbaren Aufgabenerfüllung benötigt !
Man bekam also nur Zugang zu eingestuften Dokumenten, die den eigenen Dienstbereich betrafen, absolut nichts darüber hinaus.
Selbst die benötigten Dokumente zu meiner Ingenieurarbeit zum Abschluss meines Studiums zur "Kontrollabfrage der Kennung im  Kennungssytems KREMNIJ 2 (Sapros K)" lagen im persönlichen VS-Fach des Sektionskommandeurs der Sektion FuTT der OHS
in Kamenz. Ich hatte keinen Zugriff darauf. Ohne die Aufzeichnungen meines damaligen Mentors von der Militärakademie aus
der UdSSR, wäre ich eigentlich nicht in der Lage gewesen, meine Abschlussarbeit zu schreiben.
Selbst die Prüfungsoffiziere der sowjetischen Streitkräfte auf dem Staatlichen Schiesspolygon der UdSSR in ASCHULUK
 konnten nicht verstehen, dass wir zur Zulassungsprüfung zum Gefechtsschiessen 1989  die wichtigsten Daten
zur Sicherstellung des scharfen Schusses mit dem FRK S-200 nicht kannten, weil alle Dokumente des Systems in den FRT der NVA
mit dem Geheimhaltungsgrad GVS (Geheime Verschlusssache) für uns als Angehörige der FuTT nicht zugänglich waren.
Als DGS war man zwar GVS-berechtigt, aber bei hoch sensiblen und hoch aktuellen VS-Dokumenten war man dann nocheinmal
mehr vorsichtiger und diese lagerten dann in der VS-Stelle im persönlichen Safe des Kommandeurs.

Geheimhaltungsstufen in der NVA der DDR :

VVS
- Vertrauliche Verschlußsache

GVS - Geheime Verschlußsache

GKdoS - Geheime Kommandosache



 


Ja, die Wachsamkeit & Geheimhaltung hatte höchsten Stellenwert. Bei der Übernahme von eingestuften
Dokumenten in der VS-Stelle des Truppenteils oder der Einheit, musstest Du jedes einzelne übernommene Dokument
seitenweise nachzählen und quittieren. Bei der Abgabe erfolgte das dann umgekehrt und der VS-Stellenleiter hatte zu zählen.
Die Ausgabe erfolgte immer nur personengebunden und war sofort in den persönlichen

"Nachweis für Staats-und militärische Geheimnisse"

einzutragen. Auch eine zeitweilige Weitergabe an andere berechtigte Personen erfolgte grundsätzlich nur über diesen Nachweis,
der gleichzeitig auch als Beleg für die vollständige Rückgabe zur VS-Stelle diente.

  




VS-Transportbehälter (Koffer, Taschen) waren grundsätzlich zu petschieren. Zu diesem Zwecke verfügte jeder Offizier der NVA über
eine personengebundene Petschaft (eigentlich "das Petschaft"), womi
t ein Siegel in eine Siegelmasse (Knete oder heisser Siegellack)
eingedrückt wurde. Diese wurde aber auch zum täglichen Versiegelung der Dienstzimmer und von Lagern verwendet.


     

Tarnnamen und Tarnzahlen
Zur Verschleierung von Absendern und Empfängern im Rahmen der Kommunikation über Fernsprechleitungen oder
Fernschreibverbindungen gab es für Einheiten und Truppenteile zugeordnete Tarnnamen und für Personen zugeteilteTarnzahlen.

Auszüge wichtiger Tarnnamen und Tarnzahlen der LSK/LV in den 80er Jahren gibt es hier :