17. August 1975 - endlich ! - es ist soweit, es geht aus dem sächsischen Kamenz - dem "Grab unserer Jugend", wie wir es immer
genannt haben - zur
ück ins "grüne Herz Deutschlands" - in meine Heimat - nach Thüringen.
Wunschgemäß werde ich, als frischgebackener Leutnant und HS-Ingenieur für Funkmesstechnik, mit drei weiteren Leutnants (Mäder, Ludwig, Neschwitz) - ins 
Funktechnische Bataillons - 51 versetzt, als Stationsleiter einer P-15M (FM-351) in der
                                                     Funktechnischen Kompanie - 512 (Königstiger-72) in Steinheid
                                                             
                                                               


Dort oben auf dem Berg hatte ich schon vorher auf der FM-351, beim Hptm. Knabe, mein letztes Truppenpraktikum absolviert.

Steinheid ist eine kleine 300 Seelen-Gemeinde auf dem "Dach" des Thüringer Waldes - der
"Rennsteig", der touristisch bekannte
Kammweg des Thüringer Waldes, tangiert den Ort im Norden. Steinheid ist ein uralter Urlauberort - idyllisch in grüne Wälder
eingebettet, ein Paradies für Skifreunde und ebenfalls bekannt als Glasbläserort mit längjähriger Tradition in der
Christbaumschmuck-Manufaktur - die Kugeln aus Steinheid gingen in die ganze Welt !
Die höchste Erhebung des Ortes ist - mit
868 m über NN - ein Berg mit dem Namen "Kieferle", auf dem damals eine zweite
Funktechnische Einheit beheimatet war - das FuTB-1575 der Funkmessbrigade Merseburg der GSSD. Die Stellung der NVA
befand sich auf der gegenüberliegenden Seite des Ortes, auf einer Hochebene, dem sogenannten
"Land"  - "nur" zirka 830 m
über dem Meeresspiegel. Steinheid, das heisst
Steine, Heide, Bergeshöhn - keine landwirtschaftlich nutzbaren Flächen, kein Obst-
und Gartenbau, ein sehr rauhes Klima, genauso die Menschen dort oben auf dem Berg.
Die Kompanie trug damals die Beinamen
"Wolkenkompanie", "Bergkompanie", ... aber auch "Siegmunds-Burg" - wohl weil sie in
der Nähe des gleichnamigen Dorfes Siegmundsburg lag, oder ... ???
Auf jeden Fall machte die "Wolkenkompanie" ihrem Namen alle Ehre - oft war, bei einer Wolkenuntergrenze geringer als 800 m,
von der FuTK nicht sehr viel zu sehen. Die Wolken zogen quasi draussen am Fenster vorbei. Die Einheimischen sagten,

200 Tage Nebel im Jahr
sei normal - hier oben auf dem Berg. Nur manchmal, wenn die Wolken unter uns unten im Tal lagen und
man von oben auf die "Wattebäuschchen" hinab schauen konnte, da gab die rauhe Natur hier oben ihre ganze Schönheit preis.
Besonders im Winter, bei den damaligen Schneelagen von zeitweise 2 bis 2,5 m, gab es herrlichste Wintertage in gleißender
Sonne mit den besten Bedingungen, die man sich für Skilanglauf nur wünschen konnte. Tief verschneite Waldloipen führten zu
gemütlichen, bewirtschafteten Bauden wie Rennsteig-Baude, Fellberg-Baude oder Post-Baude, wo man sich nicht nur aufwärmen
und einen Grog trinken konnte, es wurde auch viel gesungen, getanzt und gelacht.
Jeder Soldat, der in der Bergkompanie Dienst tat, bekam zusätzlich zu seiner normalen militärischen Ausrüstung auch noch eine
militärische Skiausrüstung dazu (ein paar Bretter, Ski-Schuhe, Ski-Uniform, Ski-Tarnanzug weiss).
Diese Zusatzausrüstung diente aber leider nicht dem Skivergnügen, sondern war Minimalvoraussetzung, um militärische Aufgaben
bei zweieinhalb Metern Schneehöhe überhaupt noch erfüllen zu können. In solchen Wetterlagen zog selbst die militärische Wache
mit Skiern auf Dienst, um die Urlauber, die vom Ort in Richtung Fellberg-Baude teilweise quer durch das Objekt loipten, von den
Radarstationen fernzuhalten und um sie aus der technischen Sperrzone herauszuweisen.

           
                          Quelle : mit freundlicher Genehmigung von Herrn Winfried Kramer, Militärhistorisches Museum Steinheid

Oftmals im Winter war auch der Weg der Berufssoldaten zur Arbeit vom Dorf zur Kompanie ohne Skiausrüstung nicht zu bewältigen.
Erst wenn die
Scheefräse den zirka 1 km langen Hohlweg vom Ort zur Kompanie geräumt hatte, war Fahrzeugverkehr überhaupt
wieder möglich. Bei Pulverschee und dem Wind dort oben, war der Weg allerdings innerhalb einer Stunde wieder verweht und
die Schneeräumung ging wieder von vorne los.
Besonders extrem war es an Tagen, an denen zu den teilweise enormen Scheehöhen und stängigen Verwehungen
der Nebel
(sprich : eigentlich die Wolken) noch hinzu kam, oder eben bei Dunkelheit. Selbst Personen mit langer Steinheid-Erfahrung,
wie mein Freund Norbert Thiel, konnten dann schon mal in Schwierigkeiten kommen und trotz stundenlanger Suche im hüfthohen
Schnee das Objekt verfehlen. Ich habe mehrfach selbst erlebt, wie schnell man die Orientierung verlieren kann, wenn um einen
herum alles in meterhohes Weiss getaucht ist und kein Weg, kein Strauch und wegen des dichten Nebels auch keine Bäume oder
andere Orientierungshilfen mehr vorhanden sind. Unter grössten körperlichen Anstrengungen aufgrund der Schneehöhe,
irrt man wie blind umher.
Ein prächtiges Naturschauspiel dagegen waren die
Waffelmuster, die der Nebel am kalten Maschendraht der Objektzäune
hinterliess. Leider betraf das aber auch unsere Antennenanlagen - ständig kämpften die Soldaten an der Technik mit allen zur
Vefügung stehenden Mitteln gegen die bizarren Eisgebilde an
den Antennen der Radarstationen. Auch mussten wegen der
Verwehungen stündlich die Wege vom Unterkunftsgebäude zu den Radarstationen frei geschaufelt werden, um die Normzeiten
zum Einschalten jederzeit erfüllen zu können. Frühsportvariante No1 der Soldaten im Winter war das Freischippen des Weges von
der Unterkunft bis zur Wache - sprich der Zufahrt zum Eingang des Objektes, sowie die Schneebeseitigung in den Stellungen der
Funkmessstationen.
Der tägliche Kampf gegen die Wetterunbilden, wie Schneesturm, Eis und Nebel, kostete allen Beteiligten zur damaligen Zeit,
als es in Deutschland noch richtige Winter gab, viel
Geduld, Kraft und Nerven.
Ich habe damals, in den harten Wintermonaten, oftmals aus Spass gesagt :
Steinheid liegt nicht in Thüringen - Steinheid liegt darüber ! Solche Winter hatte ich voher noch nie erlebt.